Biomechanisch bedingte Verletzungen im Radsport – eine aktuelle Studie analysiert

Populärwissenschaftliche Einordnung des Reviews „Injuries Caused by Poor Biomechanical Fit in Cycling“ (Castilla Pikaza & Iriberri, 2025) und Ableitungen für die Praxis des Bikefittings.

Tim Hilz

1/9/20263 min read

time lapse photography of three men riding bicycles on road
time lapse photography of three men riding bicycles on road

Überlastungsverletzungen im Radsport aus biomechanischer Sicht.

Was die Wissenschaft über biomechanisch bedingte Verletzungen im Radsport weiß

Radfahren gilt als gesunde, gelenkschonende Ausdauersportart. Und das stimmt – mit einer wichtigen Einschränkung: Wer regelmäßig fährt, setzt seinen Körper einer hochgradig repetitiven Bewegung aus. Tausende identische Tretbewegungen pro Einheit, oft in statischen Positionen. Genau hier entstehen Probleme.

Der hier zusammengefasste Artikel stammt von Asier Castilla Pikaza (Fundación Ciclista Euskadi) und Jon Iriberri (Visma–Lease a Bike). Beide arbeiten im leistungsorientierten und/oder Profi-Radsport an der Schnittstelle zwischen Praxis und Wissenschaft – mit klarem Fokus auf Biomechanik, Leistungsfähigkeit und Verletzungsprävention im Straßenradsport.

Der am 22.12.2025 im Journal of Science and Cycling veröffentlichte Artikel „Injuries Caused by Poor Biomechanical Fit in Cycling“ (Castilla Pikaza & Iriberri, 2025) geht der Frage nach, welche Überlastungsverletzungen im Radsport biomechanisch bedingt sind – und welche Rolle das Bikefitting dabei spielt.

Worum geht es in der Studie?

Die Autoren haben eine systematische Literaturübersicht durchgeführt. Gesichtet wurden Datenbanken wie PubMed, Google Scholar und universitäre Bibliotheken. Nach klar definierten Ein- und Ausschlusskriterien blieben 38 wissenschaftliche Arbeiten übrig, die sich explizit mit Überlastungsverletzungen durch biomechanische Fehlanpassungen im Radsport beschäftigen .

Wichtig:

  • Es geht nicht um Stürze oder akute Traumata

  • Es geht um schleichende Beschwerden, die im Training entstehen

  • Meist durch ungünstige Sitzpositionen, nicht durch „zu viel Training“ allein!

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Zentrale Erkenntnis vorweg

Überlastungsverletzungen im Radsport sind häufig – und ein erheblicher Teil steht im Zusammenhang mit der biomechanischen Einstellung des Fahrrads. Besonders betroffen sind: Knie, unterer Rücken, Nacken und Schultern, Hände und Füße, Hüft- und Gesäßbereich

Die meisten dieser Probleme entstehen nicht plötzlich, sondern entwickeln sich über Wochen, Monate oder sogar Jahre. Der Artikel betrachtet Schritt für Schritt die einzelnen betroffenen Bereiche und gibt eine abschließende Einordnung.

Knie: das Problemkind des Radsports

Knieverletzungen sind laut Literatur die häufigsten biomechanisch bedingten Beschwerden bei Radfahrer:innen. Studien sprechen von 40–60 % Betroffenen im Laufe ihrer Radsportkarriere. Frauen sind besonders häufig betroffen.

Typische Ursachen

  • Sattel zu niedrig → erhöhte patellofemorale Belastung

  • Sattel zu hoch → Zugbelastung auf IT-Band, hintere Knieanteile

  • Sattel zu weit vorne oder hinten → veränderte Gelenkmomente

  • Cleats falsch ausgerichtet → Rotationsstress im Knie

  • Zu lange Kurbeln → erhöhte Kniebeugewinkel im Totpunkt

Die Literatur zeigt: Es gibt keinen einzelnen Schuldigen, sondern ein Zusammenspiel aus Position, Anatomie und Tretbewegung. Ein oft zitierter Richtwert ist eine Kniebeugung von ca. 25–30° am Totpunkt. Interessant: Kleine Abweichungen (±3 %) verändern die Gelenkkräfte kaum – große Abweichungen schon.

Rücken: weniger häufig, aber hartnäckig

Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten Gründen, warum Training reduziert oder ganz abgebrochen wird. Im Profibereich ist es der häufigste, Beschwerde bedingte Grund für ein Karriereende. Biomechanische Risikofaktoren sind: zu großes Sattel-Lenker-Überhöhung, zu langer Reach, starke Beckenrückkippung, Sattel mit ungünstiger Form oder Neigung.

Spannend ist ein Punkt, den der Review klar macht:
Komfort allein ist kein verlässlicher Indikator. Der Körper kann sich an ungünstige Positionen anpassen, ohne dass sie langfristig gesund sind.

Nacken, Schultern und Hände

Diese Beschwerden werden häufig zusammengefasst, haben aber unterschiedliche Ursachen.

Für Nacken & Schultern sind dies: tiefe oder weit entfernte Lenkerposition, lange Zeit in aerodynamischer Haltung, schmale Lenker im Verhältnis zur Schulterbreite.

Die Hände haben oft Probleme mit: zu viel Druck auf dem Lenker, mangelnde Dämpfung, Sattel zu stark nach vorne geneigt. Klassisches Beispiel: Ulnar-Nerven-Kompression („Taubheitsgefühle“) bei langen Fahrten.

Füße, Achillessehne und Unterschenkel

Auch hier ist das Bild differenziert: Achillessehnenprobleme können sowohl bei zu hohem als auch zu niedrigem Sattel auftreten. Cleats zu weit vorne erhöhen den Hebel auf Fuß und Wade. Zu steife oder zu weiche Schuhsohlen verändern die Kraftübertragung. Auch ausgenudelte, abgenutze Cleats können in diesen Bereichen zu Problemen führen.

Interessant: Nicht nur enge Schuhe sind problematisch – auch zu große oder schlecht abgestützte Schuhe erhöhen das Risiko für Nervenirritationen.

Hüfte, Gesäß und Durchblutung

Weniger häufig, aber potenziell gravierend: Hüftsehnenreizungen, Gluteale Tendinopathien, in seltenen Fällen Iliakalarterien-Endofibrose bei sehr aggressiven Positionen. Hier spielen Faktoren wie geschlossener Hüftwinkel, lange Kurbeln und extreme Aero-Positionen eine Rolle .

Was bedeutet das für die Praxis?

Der Review kommt zu einem nüchternen, aber wichtigen Schluss: Es gibt keine biomechanische Einstellung, die für alle Menschen gleichermaßen optimal oder schädlich ist. Die meisten Studien widersprechen sich nicht, sondern betrachten unterschiedliche Aspekte desselben Problems. Unterschiede entstehen durch:

  • individuelle Anatomie

  • Bewegungsmuster

  • Belastungsumfang

  • Trainingszustand

Genau deshalb funktionieren pauschale Lösungen oft nur begrenzt.

Fazit

Diese Arbeit liefert keinen neuen „Zauberwert“ für die perfekte Sitzposition. Stattdessen zeigt sie etwas Wichtigeres:
Biomechanische Fehlanpassungen sind ein relevanter, gut belegter Faktor für Überlastungsverletzungen im Radsport.

Wer langfristig schmerzfrei fahren will, sollte Sitzposition nicht als statischen Zustand begreifen, sondern als anpassbaren Prozess – basierend auf Körper, Ziel und Belastung.

Quelle

Castilla Pikaza, A., & Iriberri, J. (2025). Injuries Caused by Poor Biomechanical Fit in Cycling: A Narrative Review. Journal of Science and Cycling, 14(2), Article 29. Open Access.